Forschungsprofil

Forschungsprojekte am Lehrstuhl von Prof. Yelle befassen sich u.a. mit der Geschichte des politischen Säkularismus, den Begriffsgeschichten von Säkularisierung und Religion, sowie mit der Rolle von Religion im Anthropozän. Forschung findet u.a. auch in Form von Dissertationen und Habilitationen statt.

Laufende Dissertationsprojekte

  • Zur Intention und Auswirkung von Schleiermachers Platon (Wenzel Braunfels)
  • Das Konzept des Sacred Kingships in der britischen Monarchie ab dem späten 19. Jahrhundert (Andreas Dengler)
  • The Muslim Brotherhood’s Rhetoric of Mobilisation: From Hasan al-Banna to the Rabaa Sit-In (John I. Edward)
  • John Spencer’s De Legibus Hebraeorum Ritualibus et Earum Rationibus Libri Tres (1685): a case study in the genealogy of modern notions of religion and secularity (Henrike Engelhardt)
  • Die Mensch-Natur-Beziehung im Spiegel der Katastrophendeutung im Spätmittelalter, der Romantik und der zeitgenössischen grünen Bewegung (Franziska Holzfurtner)
  • Theologico-Political Obstacles to the Establishment of Modern State in Iran: A Study of Iran’s Constitutional Movement of 1906 (Mehdi Mirabian Tabar)
  • Religion, Law, Politics and Ethics. Religionskritische Satire in Europa zwischen Meinungsfreiheit, Blasphemie und Hate Speech
    (Josephine Richards)
  • Opfer in zwei Sanskritübersetzung des Hebräerbriefs: Eine kontextuelle, textuelle und konzeptuelle Analyse (Silviu-Vasile Roșu)
  • Religious Experiences in the Armed Forces of Ukraine (Olga Shevchenko)




Abgeschlossene Dissertationen

Chandra Chiara Ehm

Chandra Chiara Ehm's doctoral research "Yellow Hats, Indian Pandits, and Practice in the Geluk Order" focuses on scholasticism in Buddhist monastic communities and how these encounter processes of social change, modernization, and secularization affect them in direct and indirect ways. In her doctoral research, the approach is interdisciplinary and comparative. She aims to combine a philological skillset with philosophical texts, particularly the Abhisamayālaṅkāra, with fieldwork in contemporary monastic communities in Tibet, Nepal, and India.

Dr. Sabine Exner-Krikorian

Sabine Exner-Krikorian untersucht in ihrer Dissertation den Diskurs um die gleichgeschlechtliche Ehe in Deutschland von 1998 bis 2017. Hierfür erweitert sie den Ansatz der diskursiven Religionswissenschaft mit den sozial-konstruktivistischen theoretischen Prämissen und dem Analyseinstrumentarium der Wissenssoziologischen Diskursanalyse (WDA) nach Reiner Keller. Im Detail wird gezeigt, wie die Diskursakteure in diesem Aushandlungsprozess um die Deutungshoheit von Ehe die Prämisse einer angenommenen Moderne, die Dichotomie religiös/säkular sowie Narrative von und über Religion(en) als diskursive Strategien einsetzen und eine Opposition von religiöser Gegnerschaft und säkularer Befürwortung als Selbst- und Fremdzuschreibung einsetzen. Die Arbeit leistet einen grundlegenden Beitrag für die Erforschung zeitgenössischer Deutungskämpfe, die unter den Bedingungen einer angenommenen Moderne und ihrer diskursstrukturierenden Oppositionsbildung von religiös vs. säkular stattfinden.

Zugang zum Volltext

Abgeschlossene Habilitationen

Dr. habil. Olga Havenetidis

In seiner Studie Le suicide wendet Émile Durkheim die von ihm entwickelten soziologischen Methoden auf den Gegenstand des Suizids an. Suizidraten markieren nach Durkheim die Temperatur einer Gesellschaft und sind in drei Typen unterscheidbar: egoistisch, altruistisch, anomisch. In die kategoriale Betrachtung des egoistischen Suizids fällt für Durkheim der Zusammenhang zwischen Religionszugehörigkeit und Suizidrate. Denn protestantische Gesellschaften enthalten wesentlich höhere Suizidraten als katholische. Durkheim interpretiert diese Zahlen anhand seiner Auffassung von der Integrität der Kirche. So seien Leben und Alltag in katholischen Gesellschaften stärker eingebunden in Gemeinschaft und Ritual, während die Individuen in protestantisch geprägten Gesellschaften stärker auf sich gestellt seien. Die Begriffe, die Durkheim in dieser Interpretation aufstellt, werden in der Habilitationsschrift als Parameter für die Lektüre von Storms Der Schimmelreiter und Flauberts Madame Bovary verwendet – ein Neben- und Miteinander drei höchst unterschiedlicher Texte, das von Warburgs Prinzip der guten Nachbarschaft inspiriert ist, als religionsästhetische Methodik alle drei Texte gleichwertig behandelt und den Zerfall des sozialen Bandes im 19. Jahrhundert zutagetreten lässt.

PD Dr. Lorenz Trein

Im Feld der kritischen Säkularismus-Studien zeichnet sich seit einiger Zeit ein Interesse an einem genealogischen Säkularisierungsbegriff ab (zum Beispiel in den Arbeiten von Talal Asad und Gil Anidjar), um säkulare Diskurse und Praktiken als Fortschreibung nicht mehr als solcher erkannter, weil säkularisierter religiös-theologischer Unterscheidungen und Narrative zu erkunden. In dieser stark durch den Postkolonialismus und Bezugnahmen auf den Islam und die Frage nach dem Verhältnis der Religionen geprägten Debatte finden sich immer wieder Verweise in eine ältere, in erster Linie deutschsprachige Diskussion über Neuzeit und säkularisierte Eschatologie (zum Beispiel bei Karl Löwith, Hans Blumenberg, Rudolf Bultmann, Wolfhart Pannenberg), die insbesondere in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg eine wichtige Rolle spielte und in den 1970er Jahren abgeebbt ist. Für die aktuelle Debatte ist die Frage wichtig, ob der ‚Protestantismus‘ Vorstellungen und Praktiken von Religion hervorgebracht hat, die ein Verständnis anderer Religionen erschweren. Während sich die ältere Debatte über Säkularisierung, Moderne und Christentum für die aktuelle Diskussion über die Kategorie des Säkularen als außerordentlich produktiv erweist, sind historische Bezüge und ‚Unbestimmtheiten‘ (Blumenberg) in der älteren Debatte hier bislang kaum in den Blick gekommen. Genealogisch und begriffshistorisch führt die aktuelle Kritik der Kategorie des Säkularen und deren Herausforderungen für ein Verständnis anderer Religionen in Debatten zum Zusammenhang von Historismus und Religionsgeschichte in der Zeit um den Ersten Weltkrieg zurück sowie in eine im späten 19. Jahrhundert einsetzende Kritik der theologischen und geschichtsphilosophischen Annahme, das Reich Gottes lasse sich in der Geschichte der Welt erreichen und verwirklichen. Das Projekt verbindet begriffs- und diskursgeschichtliche Perspektiven auf den Zusammenhang von Säkularisierung und Religionsgeschichte mit einer durch Niklas Luhmann inspirierten wissenssoziologischen Reflexion auf Unterscheidungen im Säkularisierungsdiskurs. Neben der religiös/säkular Unterscheidung werden ‚Kultur‘ und ‚Geschichte‘ als Reflexions- und Beschreibungsrahmen von Religion sowie das Nachleben der Säkularisierungsdebatte in Diskussionen zum Klimawandel und aktuellen Protestbewegungen erkundet.

Zugang zum Volltext

Prof. Dr. Martin Rötting

Wie entsteht spirituelle Identität in einer globalisierten und damit interreligiösen Welt? Was bedeuten die Veränderungen für Individuen wie für religiöse Organisationen? Diese Frage verfolgt die empirische Studie durch Feldforschung in vier kulturell und religiös unterschiedlichen Metropolen: München, Seoul, Vilnius und New York. Ein Ergebnis ist dabei: Spirituelle Identität ist Lebens-Weg-Navigation.

Prof. Dr. Matthias Egeler

This monograph traces the history of one of the most prominent types of geographical myths of the North-West Atlantic Ocean: transmarine otherworlds of blessedness and immortality. Taking the mythologization of the Viking Age discovery of North America in the earliest extant account of Vínland (‘Wine-Land’) and the Norse transmarine otherworlds of Hvítramannaland (‘The Land of White Men’) and the Ódáinsakr/Glæsisvellir (‘Field of the Not-Dead’/‘Shining Fields’) as its starting point, the book explores the historical entanglements of these imaginative places in a wider European context. It follows how these Norse otherworld myths adopt, adapt, and transform concepts from early Irish vernacular tradition and Medieval Latin geographical literature, and pursues their connection to the geographical mythology of classical antiquity. In doing so, it shows how myths as far distant in time and space as Homer’s Elysian Plain and the transmarine otherworlds of the Norse are connected by a continuous history of creative processes of adaptation and reinterpretation. Furthermore, viewing this material as a whole, the question arises as to whether the Norse mythologization of the North Atlantic might not only have accompanied the Norse westward expansion that led to the discovery of North America, but might even have been among the factors that induced it.

Zugang zum Verlag