PD Dr. Lorenz Trein
Im Feld der kritischen Säkularismus-Studien zeichnet sich seit einiger Zeit ein Interesse an einem genealogischen Säkularisierungsbegriff ab (zum Beispiel in den Arbeiten von Talal Asad und Gil Anidjar), um säkulare Diskurse und Praktiken als Fortschreibung nicht mehr als solcher erkannter, weil säkularisierter religiös-theologischer Unterscheidungen und Narrative zu erkunden. In dieser stark durch den Postkolonialismus und Bezugnahmen auf den Islam und die Frage nach dem Verhältnis der Religionen geprägten Debatte finden sich immer wieder Verweise in eine ältere, in erster Linie deutschsprachige Diskussion über Neuzeit und säkularisierte Eschatologie (zum Beispiel bei Karl Löwith, Hans Blumenberg, Rudolf Bultmann, Wolfhart Pannenberg), die insbesondere in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg eine wichtige Rolle spielte und in den 1970er Jahren abgeebbt ist. Für die aktuelle Debatte ist die Frage wichtig, ob der ‚Protestantismus‘ Vorstellungen und Praktiken von Religion hervorgebracht hat, die ein Verständnis anderer Religionen erschweren. Während sich die ältere Debatte über Säkularisierung, Moderne und Christentum für die aktuelle Diskussion über die Kategorie des Säkularen als außerordentlich produktiv erweist, sind historische Bezüge und ‚Unbestimmtheiten‘ (Blumenberg) in der älteren Debatte hier bislang kaum in den Blick gekommen. Genealogisch und begriffshistorisch führt die aktuelle Kritik der Kategorie des Säkularen und deren Herausforderungen für ein Verständnis anderer Religionen in Debatten zum Zusammenhang von Historismus und Religionsgeschichte in der Zeit um den Ersten Weltkrieg zurück sowie in eine im späten 19. Jahrhundert einsetzende Kritik der theologischen und geschichtsphilosophischen Annahme, das Reich Gottes lasse sich in der Geschichte der Welt erreichen und verwirklichen. Das Projekt verbindet begriffs- und diskursgeschichtliche Perspektiven auf den Zusammenhang von Säkularisierung und Religionsgeschichte mit einer durch Niklas Luhmann inspirierten wissenssoziologischen Reflexion auf Unterscheidungen im Säkularisierungsdiskurs. Neben der religiös/säkular Unterscheidung werden ‚Kultur‘ und ‚Geschichte‘ als Reflexions- und Beschreibungsrahmen von Religion sowie das Nachleben der Säkularisierungsdebatte in Diskussionen zum Klimawandel und aktuellen Protestbewegungen erkundet.
Zugang zum Volltext